Mittwoch, 30. März 2011

Rationalität und Inflationsängste

Ein schönes Beispiel für mangelnde Qualität in der Berichterstattung und die Absurdität der allgemeinen Vorstellung von wirtschaftlichen Zusammenhängen liefert heute auf Seite 21 der Artikel "Kauflaune sinkt erstmals wieder":

Die Inflation drückt auf die Stimmung der deutschen Verbraucher. Das GfK-Barometer für das Konsumklima trübte sich erstmals seit zehn Monaten ein und sank um 0,1 auf 5,9 Punkte. Als Hauptgründe dafür nannten die GfK-Marktforscher am Dienstag wachsende Inflationsängste und ein „unsicherer gewordenes internationales Umfeld“ etwa durch die Krisen in der arabischen Welt.

Blitzumfrage: Wenn man Angst vor Inflation hat, sollte man dann lieber sparen oder lieber Geld ausgeben?

Die kurze Antwort: Geld ausgeben. Die lange Antwort: Inflation, also Preisanstiege, bedeuten, dass man mit der gleichen Menge an Geld weniger reale Güter oder Dienstleistungen erwerben kann. Sollte die Inflation höher sein als die Zinsen, die man mit einer Geldanlage erzielen kann, dann verliert das Gesparte real an Wert. Wenn die Menschen rational agieren, müssten sie also auf Inflationsängste reagieren, indem sie mehr Geld ausgeben.

Aber laut Titel der Nachricht sinkt die Kauflaune. Dafür fallen mir spontan drei mögliche Erklärungen ein:

  1. Die Menschen agieren nicht rational.

  2. Das GfK-Barometer misst nicht, wie sehr die Menschen dazu bereit sind, Geld auszugeben.

  3. Es gibt keine Inflationsängste.


Die erste Möglichkeit halte ich für die plausibelste. Sie bedeutet aber, dass ein Großteil der orthodoxen Wirtschaftslehre - die von rational handelnden Menschen ausgeht - schlicht und einfach falsch ist. Ganz besonders gilt das für den Mythos vom effizienten freien Markt.

Die zweite Möglichkeit ist sicherlich auch plausibel, schließlich basiert dieser Index meines Wissens auf Umfragen - und dass die Menschen es nicht so toll finden, wenn die Preise steigen, ist irgendwie logisch und schlägt sich sicherlich in den Antworten nieder. Daraus auf einen Rückgang des Konsums zu schließen ist allerdings nicht unbedingt zuverlässig. Sicherlich gibt es Korrelationen, die aber - weil es keine direkt zugrunde liegende Kausalität gibt - nicht besonders belastbar sind. Für die Jubelperser, die in Zeiten von rückgängigem Konsum ein Konsumwunder heraufbeschwören wollen, ist das natürlich sehr nützlich.

Die dritte Möglichkeit ist auch denkbar, schließlich denken die meisten Menschen sicher nie über die großen wirtschaftlichen Zusammenhänge nach. Allerdings ist es in Deutschland sehr beliebt, Inflationsängste zu schüren, was ein gefährliches Achtel- bis Viertelwissen zur Folge hat und diese letzte Möglichkeit eher unwahrscheinlich macht.

Letztlich ist hier, denke ich, eine Mischung der ersten beiden Faktoren am Werk. Leider ist weder in der Berichterstattung der Medien, noch bei den Menschen vom GfK, die die Verbindung zu Inflationsängsten überhaupt erst hergestellt haben, ein Hauch von Reflexion darüber zu erkennen, was die oben genannten Widersprüche eigentlich für unser Verständnis der Wirtschaft bedeutet. Das ist, gelinde gesagt, schade. Man könnte es auch gefährlich nennen.

Übrigens, nebenbei zum Thema Inflation:

Die Verbraucher sorgen sich, dass das Leben wegen steigender Energie- und Rohstoffpreise teurer wird. Die Inflationsrate stieg im Februar auf 2,1 Prozent und so auf den höchsten Stand seit fast zweieinhalb Jahren. Im März verharrte die Jahresteuerung nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf dem Niveau. „Die Inflationsrisiken in Deutschland haben zugenommen“, so Ulrike Rondorf von der Commerzbank.

Zweieinhalb Jahre sind eine sehr kurze Zeit. Historisch gesehen sind 2,1% sehr wenig. Wir haben lange Zeit mit deutlich über 2% Preissteigerungsraten gut gelebt. Davon einmal abgesehen ist 2% das offizielle Ziel der EZB. Es wird in den Mainstream-Medien kein Wort darüber verloren, wenn die Inflation lange Zeit deutlich zu niedrig ist, also bei 1,5% und weniger, aber sobald sie nur eine Winzigkeit über dem Zielwert liegt wird verbal die Apokalypse heraufbeschworen. Diese Verlogenheit muss man sich auch immer wieder klar vor Augen führen.

Besonders kritisch an der Hyperventilation zum Thema Inflation ist die Tatsache, dass die Inflation ohne Energiepreise nur bei 1,0% lag, also noch viel deutlicher unter dem eigentlich erwünschten Zielwert.

Warum ist das kritisch? Nun, demnächst wird immer mehr die Rede davon sein, dass die EZB wegen zu hoher Inflation die Zinsen anheben wird, um die Inflation zu bekämpfen. Der Haken an der Sache ist, dass die EZB an den Energiepreisen rein gar nichts ändern kann. Vermutlich wird eine Zinssteigerung also gar nichts gegen die Inflation auswirken, zumal die Preissteigerung ja nicht durch exorbitante Kreditvergabe der Banken angetrieben wird. Sollte es der EZB trotzdem gelingen, die Inflation trotz steigender Energiepreise durch eine Anhebung des Leitzins zu drücken, dann geht dies auf Kosten einer Kerninflation ohne Energiepreise, die immer mehr sinkt, bzw. sich in Richtung Deflation bewegt. Das wiederum wirkt sich negativ auf die Konjunktur aus. In einer Situation, in der viele Länder der Eurozone mit zweistelligen Arbeitslosenquoten zu kämpfen haben, wird das schnell zu politisch brenzligen Situationen führen.

Das besonders Fatale dabei ist, dass die Wut der Arbeitslosen sich dann gegen die EZB richten müsste, sich aber wegen mangelndem Wissen über die Zusammenhänge vermutlich an anderer Stelle auf hässliche Weise entladen wird. Ich hoffe, dass unsere Europapolitiker rechtzeitig einsichtig werden.

Donnerstag, 17. März 2011

Prof. Markus Kerber und Hans-Olaf Henkel verstehen die Welt nicht

Im Artikel "Die Angst vor der Transferunion" auf Seite 24 der heutigen SZ wird über einen offenen Brief von Prof. Markus Kerber und Hans-Olaf Henkel an die Bundestagsabgeordneten berichtet:

Er enthält den dringenden Aufruf an die Volksvertreter, die Zustimmung zur Erweiterung des Rettungspaketes zu verweigern. „Das Votum des Deutschen Bundestags ist historisch: Er entscheidet darüber, ob Deutschland seine finanzwirtschaftliche Souveränität behält [...]

Tja, ihr Lieben, da habt ihr wohl die letzten zwei Jahrzehnte verschlafen. Seine Souveränität hat Deutschland nämlich aufgegeben, als es dem Euro beigetreten ist.

Sehr enttäuscht bin ich über die niedrigen journalistischen Standards im Interview "Es könnte Domino-Effekte geben" und dem passenden Kommentar "Mut der Verzweiflung" von Catherine Hoffmann zu den wirtschaftlichen Folgen der Japan-Katastrophe, beide auf Seite 17. Damit meine ich gar nicht so sehr, dass natürlich keiner der Beteiligten den Zusammenhang zwischen der hohen Staatsverschuldung Japans und dem Sparverhalten des japanischen Privatsektors versteht - das gehört schließlich zum Standardrepertoire. Was mich stört, ist das hier:

200 Milliarden Euro hat die Notenbank schon in die Banken geschleust.

Oder auch das hier:

[...] nun hat die Notenbank innerhalb kurzer Zeit 180 Milliarden Dollar in die Märkte gepumpt.

Solche Statements werfen mit großen Zahlen um sich, sind aber vollkommen nichtssagend. Was verbirgt sich denn hinter den schwammigen Verben "schleusen" und "pumpen"?

Jede Zentralbank gibt den ihr angeschlossenen Banken die Möglichkeit, regelmässig Geld bei ihr zu leihen, solange die regulatorischen Anforderungen erfüllt sind. Dies gehört zu den Werkzeugen, mit denen die Zentralbank ihre Geldpolitik realisiert. Ob solche Transaktionen durchgeführt werden oder nicht liegt aber nicht in der Hand der Zentralbank: die Zentralbank setzt lediglich den Leitzins und damit auch die daran gekoppelten Zinssätze, zu denen Geld verliehen wird. Ob die Banken davon Gebrauch machen oder nicht entscheiden sie selbst. Die Zentralbank hat darauf keinen Einfluss. Wenn es sich bei den genannten Summen um Transaktionen zur Stabilisierung des Leitzins handeln sollte, dann ist dies eine absolute Nullmeldung, da die japanische Zentralbank den Leitzins seit der Katastrophe nicht geändert hat (der japanische Leitzins liegt unverändert bei 0%, Banken zahlen bei der Zentralbank einen Zinssatz von 0,3%). Es ist dann also nicht die Zentralbank, die aktiv ins Geschehen eingreift. Sie reagiert lediglich passiv auf die sich änderenden Anforderungen des japanischen Bankensystems.

Andererseits haben Zentralbanken auch die Möglichkeit, aktiv ins Geschehen einzugreifen, wie es zur Zeit zum Glück die EZB mit dem Aufkauf von Staatsanleihen macht. Prinzipiell können sie auch einfach Geld an Unternehmen überweisen, zumindest rein technisch - die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind natürlich von Land zu Land unterschiedlich. Es würde sich dann jedenfalls qualitativ deutlich von den oben skizzierten passiven Handlungen unterscheiden.

Aber von all dem findet sich in der Berichterstattung der SZ kein Wort - sie belässt es bei vagen, nichtssagenden Verben wie "pumpen" und "schleusen". Wahrscheinlich wissen die Autoren gar nicht, worüber sie da eigentlich schreiben. Hauptsache, sie können mit großen Zahlen um sich werfen.

Mittwoch, 9. März 2011

Euro-Rettung - was tun?

Auf Seite 26 skizziert Catherine Hoffmann in "Kollaps oder Rettung: Europa in der Schuldenkrise" aus ihrer Perspektive ganzseitig fünf "Fluchtmöglichkeiten" aus der Euro-Krise und übersieht dabei den Elephanten im Raum: eine stabile Währung verleitet die Menschen dazu, netto finanzielle Ersparnisse ansammeln zu wollen. Diesen Ersparnissen müssen, rein rechnerisch, Schulden gegenüberstehen (auch das heraufbeschworene "Geld drucken" ändert daran nichts, denn Geldscheine sind im Grunde einfach nur unverzinste Schuldscheine). In der Eurozone gibt es keine starke souveräne Institution, die die Rolle des Schuldners übernehmen kann. Das ist eine fundamentale Fehlkonstruktion, und solange dieser Fehler nicht behoben wird, kann die Euro-Krise nicht langfristig bewältigt werden.

In diesem Kontext ist folgende Behauptung zu lesen:

Nach Prognosen der EU wird der Schuldenstand der Griechen schon im nächsten Jahr auf mehr als 150 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen, eine Last, die dauerhaft nicht zu tragen ist.

Wahr ist, dass eine geldsouveräne Regierung so eine "Last" (ist es denn überhaupt eine Last?) problemlos tragen kann. Das folgt aus einer klaren Analyse der Funktionsweise von Fiatgeldsystemen, und wird empirisch durch Japan belegt. Das Problem ist natürlich, dass die griechische Regierung nicht geldsouverän ist. Folglich ist die logische Konsequenz, dass eine geldsouveräne Euro-Regierung geschaffen werden muss, die direkt oder indirekt die Schulden der griechischen Regierung übernimmt.

Vollkommen weltfremd ist dieser Abschnitt:

Noch ist die Hilfe eine endliche Größe, doch der Rettungsfonds lässt sich aufstocken, die lebenserhaltenden Maßnahmen können verlängert werden. Damit sichergestellt ist, dass Wackelkandidaten zu jedem Zeitpunkt Geld bekommen – und zwar zu günstigen Zinskonditionen. Als Gegenleistung geloben die Schuldensünder dann Besserung. Resolute Haushaltsdisziplin sorgt dafür, dass auch Länder wie Griechenland, Portugal, Irland und Spanien in wenigen Jahren die Neuverschuldung unter die Drei-Prozent-Marke drücken – am besten auf null.

Hier wird über das fiskale Defizit einer Regierung geredet, ohne den Kontext der realen Wirtschaft zu berücksichtigen. Das ist der fundamentalste Denkfehler, den man in volkswirtschaftlichen Zusammenhängen begehen kann. Es ist offensichtlich, dass die Defizite der genannten Länder ganz wesentlich durch steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Steuereinnahmen entstanden sind, und durch irregeleitete Bankenrettungen. Weitere Ausgabenkürzungen würden diese Effekte nur noch verstärken. Das Sparen kann gar nicht gelingen, und zerstört nebenbei auch noch jede Hoffnung auf eine realwirtschaftliche Erholung - siehe Großbritannien.

Vor allem aber setzt die Transferunion falsche Anreize, Ökonomen sprechen von „Moral Hazard“: Hochverschuldete Länder werden dazu eingeladen, sich auf den Krisenmechanismus zu verlassen.

Dass das Unfug ist sieht man schon daran, dass genau dieser Mechanismus innerhalb föderal organisierter Staaten wie z.B. Deutschland problemlos funktioniert. Selbst wenn man das nicht glauben sollte gibt es eine einfache Abhilfe: da ja, wie oben bereits gesagt, das Grundproblem ist, dass die Schulden nicht bei einer geldsouveränen Regierung liegen, könnte man einfach eine Euro-Regierung schaffen, die über die nächsten Jahre einfach pauschal jährlich 1000€ pro Kopf an die Mitgliedsstaaten der Eurozone zahlt. Damit lässt sich das Problem ganz ohne Moral Hazard beseitigen. Noch besser wäre natürlich ein zentral finanziertes Programm zur direkten Schaffung von Arbeitsplätzen, denn das hätte einen direkteren positiven Effekt auf die Arbeitslosenrate, die in Europa aus realer Perspektive zur Zeit das Hauptproblem ist.

Aus diesem Grund droht souveränen Staaten nicht so schnell der Bankrott: Sie haben Macht über die Druckerpresse. Unter Ökonomen wie Charles Blankart ist der Trick als Ponzi-Spiel bekannt, benannt nach dem italienischen Finanzjongleur Charles Ponzi.

Richtig erkannt hat die Autorin die Funktionsweise von Geldsystemen leider nicht. Es ist falsch, dass souveräne Staaten nicht so schnell bankrott gehen können. Richtig ist, dass souveräne Staaten gar nicht bankrott gehen können. Manchmal verweigern sie aus politischen Gründen die Zahlung - so z.B. Japan im Zweiten Weltkrieg aus naheliegenden Gründen - aber das ist ein anderes Thema. Bankrott zu gehen bedeutet, eingegangenen monetären Verpflichtungen nicht mehr nachgehen zu können. Ein souveräner Staat kann eingegangenen monetären Verpflichtungen immer nachgehen, solange sie in der eigenen Währung notiert sind. Der Vergleich mit Ponzi-Spielen, besser bekannt als Schneeballsystemen, ist daher grundfalsch.

Alles Hyperventilieren über Hyperinflation kann nichts daran ändern, dass Inflation nichts mit Geldmenge zu tun hat, sondern mit Angebot und Nachfrage. Übersteigt die Nachfrage das Angebot, wie z.B. vor einigen Jahren in Zimbabwe, und soll Inflation vermieden werden, dann muss die Regierung einschreiten und die Angebotssituation verbessern (der konkrete Fall wurde durch einen Kollaps der Agrarwirtschaft ausgelöst) oder die Nachfrage drosseln, entweder durch gezielte Steuererhöhungen oder durch Ausgabenverminderung. Aber ob es so weit ist erkennt man eben nicht am Staatsdefizit, und erst recht nicht an der Höhe der Staatsschulden. So sehr es den monetaristischen Ideologen auch missfallen mag, nur der Blick in die reale Wirtschaft hilft hier weiter.

Der Weg aus der Euro-Krise ist klar. Durch von einer zentralen Euro-Regierung finanzierten (aber durchaus lokal umgesetzten) fiskalische Expansion müssen direkt Arbeitsplätze geschaffen werden und dadurch die Wirtschaft angeschoben werden. Dies geschieht durch ein Public Works-Programm, in dem jeder Regierungsinstanz in der Eurozone und jeder gemeinnützigen Organisation die Möglichkeit gegeben wird Arbeitsplätze auszuschreiben, die zu einem festgesetzten Mindestlohn bezahlt werden, für jeden zugänglich sein müssen, und deren Lohnkosten zu 100% von der zentralen Euro-Regierung finanziert werden. Gleichzeitig sollte diese Regierung die Zinsen für langfristige Anleihen aller Euro-Staaten für die nächsten Jahre auf höchsten 3% beschränken. Zudem muss das Potential für schädigendes Verhalten der Finanzmärkte eingedämmt werden, zum Beispiel indem durch progressive Vermögens- und Erbschaftsteuern die Ungleichverteilung der Vermögen etwas zurückgedreht wird.

Wenn alle diese Ansätze umgesetzt würden, stünde Europa ein goldenes Zeitalter bevor. Ich bitte darum alle Leser, diese Konzepte zu durchdenken, mit Bekannten zu diskutieren, und anderweitig an die Öffentlichkeit zu tragen.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Blindheit in großem Stil: Jobs fehlen

Ein besonders faszinierendes Phänomen kann man in der SZ am heutigen 16.2. wieder auf der Seite 1 im Artikel "Einmal Hartz IV, immer Hartz IV" von Thomas Öchsner beobachten.

Die Hartz-Reformen haben für knapp eine halbe Million Menschen bisher nichts gebracht. [...] Ziel der Arbeitsmarktreformen unter der damaligen rot-grünen Bundesregierung war es, unter dem Motto „Fördern und fordern“ die Zahl der Menschen, die von staatlicher Unterstützung leben, möglichst gering zu halten. [...] Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt, sagte: „Die Aktivierung, Förderung und Vermittlung von Arbeitslosengeld-II-Beziehern ist bisher nicht optimal.“ Der DGB-Arbeitsmarktexperte Wilhelm Adamy kritisierte, dass den Hartz-IV-Beziehern in den Jobcentern oft „stabile Ansprechpartner“ fehlten. Auch reichten die arbeitsmarktpolitischen Hilfen meist nicht aus.

Folgt man diesem Text, so sieht selbst ein Vertreter des DGB die Ursachen der hohen Arbeitslosigkeit am Versagen der Verwalter der Arbeitslosigkeit. Der Grundtenor ist immer der gleiche: die Vermittlung klappt nicht, die Förderung klappt nicht, die Menschen sind zu faul oder unfähig. Dabei gibt es einen ganz offensichtlichen Grund für die hohe Arbeitslosigkeit, der ungeschrieben bleibt, ja, der dem Verfasser des Artikels vermutlich nicht einmal ansatzweise durch den Kopf gegangen ist: Es gibt zu wenig Arbeitsplätze.

Machen wir einmal ein Gedankenexperiment. Nehmen wir an, von heute auf morgen wären alle Deutschen plötzlich hochmotivierte, körperlich perfekte Intelligenzbestien mit Doktortitel. Sicher hätten wir dann auf einmal noch mehr promovierte Taxifahrer und Kellner, aber würde sich an der Zahl der Arbeitsplätze etwas ändern? Nein - die Nachfrage nach Arbeitskraft ändert sich ja nicht dadurch, dass sich das Angebot ändert. Zwangsläufig würde sich also auch an der Zahl der Arbeitslosen nichts ändern.

(In eingeschränkten Einzelfällen stimmt das natürlich nicht. In bestimmten Bereichen wie z.B. in der Forschung kommt es schon einmal vor, dass ein Arbeitsplatz speziell für einen begehrten Bewerber geschaffen wird. Makroökonomisch ist das aber nicht relevant, da sich ja dadurch nicht das Gesamtbudget für Forschung verändert. Zudem fällt der derart variable Anteil des Arbeitsmarkts sowieso nicht ins Gewicht.)

Sicherlich wäre die Zusammensetzung der Arbeitslosen eine andere. Logischerweise finden sich unter den Arbeitslosen überwiegend gering qualifizierte Menschen, da diese bei Bewerbungen in der Regel hinten anstehen. In unserem Gedankenexperiment wären die Arbeitslosen dann eben diejenigen, die ihre Promotion nicht summa cum laude abgeschlossen haben. Aber die Anzahl der Arbeitslosen wäre die gleiche. Das ist die wichtige makroökonomische Einsicht, an der das überwiegende mikroökonomische Denken versagt.

Fazit: Der offensichtliche Grund für die hohe Arbeitslosigkeit ist ein Mangel an Arbeitsplätzen. Aber dieser Gedanke wird nicht einmal im Ansatz erwähnt. Dieses Maß an Blindheit ist faszinierend.

Bitterböse zynisch ist im gleichen Artikel diese Stellungnahme:

Darin enthalten seien aber auch „Aufstocker“, die wegen ihres geringen Arbeitseinkommens zusätzlich Hartz IV benötigen. [Arbeitgeberpräsident] Hundt sprach hier von Fehlanreizen, welche die Regierung bei der Reform der Hinzuverdienst-Regeln nicht abgebaut habe. „Diese Regeln machen es nach wie vor für viele attraktiv, nur mit einem Minijob in der Fürsorgeleistung zu verharren.“

Der eigentliche Skandal des Aufstockens ist, dass es dadurch für Arbeitgeber attraktiv wird, Menschen zu Dumpinglöhnen einzustellen. Der Staat subventioniert Arbeitgeber, die aktives Lohndumping betreiben. Aber statt die Finger auf diese Wunde zu legen, schiebt Thomas Öchsner den Schwarzen Peter auf die Arbeitnehmer.

Seine Tiraden gegen die Arbeitslosen werden übrigens auf der Meinungsseite im Kommentar "Nach der Einigung ist vor der Aufgabe" noch deutlicher:

Die bittere Erkenntnis, die Jobvermittler zumindest intern aussprechen, ist: Vielen lässt sich nicht mehr helfen. Sie werden selbst in Zeiten eines akuten Fachkräftemangels keine Chance auf dem regulären Arbeitsmarkt haben, weil sie weder psychisch noch physisch einen 35-Stunden-Job aushalten.

Woher weiß er denn bitte, dass diese Menschen einen solchen Job weder psychisch noch physisch aushalten würden? Es wurde ihnen doch niemals die Chance gegeben, sich unter Beweis zu stellen! Und darüber zu spekulieren, was im Fall eines Fachkräftemangels geschehen würde ist müßig. Vom Fachkräftemangel sind wir schließlich Welten entfernt, wie die Zusammensetzung der Arbeitslosigkeit sowie die zurückhaltende Lohnentwicklung zeigt - siehe auch den diesbezüglichen DIW-Skandal im November letzten Jahres.

Irreführendes verbreitet Simone Boehringer im Kasten "Bundesbanker gestern und heute" auf Seite 20:

Dazu wandelt sich mehr und mehr der Rettungsfonds ESFS, der neue Kredite an klamme Staaten vergibt, nach dem Willen der Franzosen jedoch bald auch Staatsanleihen kaufen soll.

Zwischen der Vergabe von Krediten und dem Kauf von Staatsanleihen in Primärauktionen gibt es keinen Unterschied. Der Kauf von Staatsanleihen im Sekundärmarkt hat dagegen auf die finanzielle Situation eines Staates keinen direkten Einfluss, weil ja lediglich Papiere, die nicht mehr im staatlichen Besitz sind, den Besitzer wechseln. Er kann aber natürlich die Zinsstruktur von Anleihen beeinflussen.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Über Steuern und die Rückzahlung von Staatsschulden

Heute tauche ich mal wieder kurz aus der Pause auf um ein paar besonders dreiste Lügen richtigzustellen. Ganz schlimm ist Marc Beises Kommentar "Spare in der Zeit" auf Seite 17:

Hinzu kommt, dass diese explizite Staatsverschuldung nur ein Teil des Problems ist. Die implizite Verschuldung, also etwa die Ansprüche der Rentner und Pensionäre gegen die Sozialsysteme, beträgt ein Vierfaches der expliziten Schuld; macht acht Billionen Euro oder mehr als 300 Prozent des BIP.

Die staatliche Rentenversicherung ist ein Umlagesystem. Jeden Monat werden die hereinkommenden Beiträge nach einem Schlüssel verteilt und direkt wieder herausgegeben. Hier von Schulden zu sprechen ist Quatsch.

Das Umlagesystem ist übrigens sehr sinnvoll, schließlich werden die von den Rentnern gekauften realen Güter und Dienstleistungen ja auch im jeweiligen Zeitraum produziert, und nicht etwa in der fernen Vergangenheit oder gar in der Zukunft. Angesichts der Tatsache, dass also jeweils die Produktion der Gegenwart an realen Gütern und Dienstleistungen auf die Verbraucher aufgeteilt werden muss, ist es nur sinnvoll und pragmatisch, auch das Geld, das bei dieser Aufteilung die Vermittlerrolle spielt, in der jeweiligen Gegenwart zu aufzuteilen, und nicht Jahrzehnte früher oder später.

Aber ganz abgesehen davon ob man jetzt ein Umlagesystem bevorzugt, oder lieber ein instabiles, kapitalgedecktes System (Marc Beise würde sicher Letzteres bevorzugen): Bei den Rentenansprüchen in unserem existierenden System von Schulden zu sprechen ist einfach nur unsachlich. Trotzdem gehört diese Volksverdummung zum Standardrepertoire der Neoliberalen.

Guido Bohsem schreibt auf Seite 19 im Artikel "1 791 300 000 000 Euro Schulden":

Wer in Deutschland lebt, hat Schulden – egal wie reich er ist. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes stand Ende November jeder der etwa 81,7 Millionen Bundesbürger mit 21 882 Euro in der Kreide. Die Bundesbürger schuldeten das Geld nicht als Privatleute, sondern Teil des deutschen Staates.

Wie muss ich mir das vorstellen, wenn ich 1000 Euro in Bundesschatzbriefen besitze? Schulde ich mir selbst dann 1000 Euro? Werde ich irgendwannmal 1000 Euro an Steuern zusätzlich bezahlen müssen, damit ich diese 1000 Euro dann wiederbekomme im Tausch für den Bundesschatzbrief?

Betrachten wir einmal ganz nüchtern, was passiert, wenn mein Bundesschatzbrief ausläuft und ich die 1000 Euro aufs Tagesgeldkonto überwiesen bekomme. Höchstwahrscheinlich kaufe ich mir wieder einen neuen Bundesschatzbrief. Dem Rollover meines Geldvermögens entspricht ein Rollover der Staatsschulden, und im Grunde passiert gar nichts.

Aber was passiert, wenn ich die 1000 Euro ausgebe? Nun, dann fließen sie an andere Personen, von denen sie wieder an andere Personen fließen, und in die Gegenrichtung fließen entsprechende Güterströme. Wenn es auf diese Handelsvorgänge keine Steuern gäbe, dann würde sich durch all diese horizontalen Vorgänge die Summe der Reserven bei der Zentralbank nicht verändern, mit der Folge, dass eben jemand anderes Bundesschatzbriefe im Wert von 1000 Euro kaufen würde, um die überschüssige Liquidität abzuschöpfen. In diesem Fall muss der Staat seine Schulden also auch nicht zurückzahlen.

Beobachtung: Rein funktional betrachtet konnte ich mir von meinem Geldvermögen Dinge im Wert von 1000 Euro leisten. Es ist also unsinnig so zu tun, als wären die Staatsschulden Schulden der Bürger. Im Gegenteil handelt es sich bei den Staatsschulden - genauer: bei den sie repräsentierenden Staatsanleihen - um Vermögen der Bürger.

(Kleiner Einschub: Der Glaube, dass Staatsschulden äquivalent zu Schulden der Bürger sind, erinnert mich sehr an den Denkfehler, der auch diesem Puzzle für Kinder zugrundeliegt.)

Aber wie passt das denn jetzt mit Steuern zusammen? Im Beispiel oben bin ich davon ausgegangen, dass keine Steuern anfallen und deshalb nur horizontale Transaktionen anfallen, was natürlich unrealistisch ist. Wenn die Transaktionen besteuert werden, dann verschwindet zumindest ein Teil der ursprünglich 1000 Euro in Form von Steuern, und weniger Bundesschatzbriefe werden gekauft, weil weniger Liquidität abgeschöpft werden muss. Und siehe da: genau diese Steuern sind es, die mit den reduzierten Staatsschulden verrechnet werden können!

Beobachtung: Die Regierung muss kein Geld eintreiben um ihre Schulden zu begleichen. Es ist gerade umgekehrt: Wenn der private Sektor keine Staatsanleihen mehr halten will, dann entstehen die Steuereinkünfte die nötig werden, um den Rückgang der Staatsanleihen in der Bilanz auszugleichen, ganz automatisch.

Jetzt mag sich manch einer die Frage stellen, wozu dann überhaupt Steuern erhoben werden. Die Erklärung dafür ist, dass durch die Steuerschuld überhaupt erst Nachfrage nach Geld entsteht. Ohne Steuern wäre das Geld also einfach wertlos. Die Höhe der Steuern wirkt gewissermaßen als Thermostat bzw. Bremse für die Wirtschaft. Läuft sich die Wirtschaft heiß, so können Steuern erhöht werden um Geld zu entziehen und so zu vermeiden, dass der Wert des Geldes absinkt. Diese Wirkung ist aber asymmetrisch: niedrige Steuern sorgen nicht unbedingt dafür, dass die Wirtschaft wieder warm läuft, wenn sie sich einmal abgekühlt hat.

Als Anmerkung muss ich fairerweise einwerfen, dass meine Analyse in Wirklichkeit nur für ein vernünftig organisiertes Fiatgeldsystem gilt, wie zum Beispiel für die USA, Großbritannien oder Island. Die Eurozone ist zwar ein Fiatgeldsystem, aber eins mit (hoffentlich: noch) vielen Entwurfsfehlern. In der Eurozone gibt es nicht nur eine, sondern eine ganze Reihe von Regierungen, die Staatsanleihen anbieten. Die Liquidität, die durch den Ablauf von Anleihen eines Staates entsteht, wird also womöglich durch die Ausgabe von Anleihen eines anderen Staates abgeschöpft. Dadurch können Ungleichgewichte entstehen, die sich wegen dem Fehlen eines aktiven monetären Souveräns kombiniert mit Gerede über potentielle Staatsinsolvenzen durch höhere Renditen und Zinssätze selbst verstärken, bis die ganze Eurozone durch die entstehenden Fliehkräfte auseinanderzubrechen droht.

Mit anderen Worten, was sich heutzutage abspielt, war mit etwas Nachdenken über Geldsysteme vorhersehbar. Übrigens wird mit etwas weiterem Nachdenken auch klar, dass die Einführung von Eurobonds oder einem äquivalenten Mechanismus absolut notwendig für den langfristigen Erhalt des Euros ist.

Das Geld haben die Deutschen in Form von staatlichen Leistungen wie Arbeitslosengeld, Rente, Kindergeld konsumiert oder in den Bau von Straßen, Schwimmbädern, Schulen und Universitäten gesteckt, obwohl sie sich das eigentlich nicht hätten leisten können.

Auch dies ein typischer Denkfehler. Die Kosten staatlichen Handels kann man nicht losgelöst von der Situation der realen Wirtschaft in reinen Geldgrößen betrachten. Das einzig vernünftige Maß für Kosten ergibt sich aus der Frage, welche realen Güter und Dienstleistungen der Staat dabei in Anspruch nimmt, die andernfalls der private Sektor hätte nutzen können.

Angesichts der Tatsache, dass die Wirtschaft in Deutschland schon seit Jahrzehnten nicht mehr ordentlich ausgelastet ist, und angesichts hoher Arbeitslosenquote ist klar, dass der private Sektor bei weitem nicht alle sinnvollerweise nutzbaren Ressourcen in Anspruch genommen hat. Wenn diese Ressourcen dann vom Staat in Anspruch genommen werden, so fallen in Wirklichkeit überhaupt keine Kosten an (wenn man von ökologischen Überlegungen absieht).

In Wirklichkeit zeigt eine nüchterne Betrachtung der Zahlen also, dass wir Deutschen schon seit sehr langer Zeit unter unseren Verhältnissen leben.

Freitag, 3. Dezember 2010

Unwissen und Ideologie auf der Meinungsseite

Eigentlich hatte ich ja vor, zu pausieren. Nach dem heutigen Eintrag werde ich das auch wieder versuchen, aber es hat mich schon in den letzten Tagen in den Fingern gejuckt. Was die SZ-Wirtschaftsredaktion zur Zeit aus ihren Federn fließen lässt gefährdet den Frieden in Europa, da durch die Verbreitung falscher Behauptungen eine sinnvolle Wirtschaftspolitik unterbunden wird. Beim heutigen Kommentar "Die leise Krise" von Marc Beise auf Seite 4 ist mir endgültig der Kragen geplatzt. Ich muss also wieder einmal Dampf ablassen.

Die Krise der Realwirtschaft war kurz, der Aufschwung ist phänomenal. Die Unternehmen produzieren und verkaufen wie im Fieber.

Die Realität ist, dass die Wirtschaftsleistung den Stand vor der Krise noch nicht wieder erreicht hat, und von einem selbsttragenden Aufschwung ist weit und breit nichts zu sehen - im Gegenteil. Marc Beise scheint, seiner Schreibe nach zu urteilen, jedenfalls ziemlich gut von der Realität isoliert zu sein.


Die Einkommen steigen.

Schön wär's.

Technisch gesehen steigen die Einkommen natürlich, schließlich ist das BIP ein Maß für die Summe aller Einkommen in einer Volkswirtschaft. Allerdings spielt die Einkommensverteilung dabei eine kritische Rolle, und die Lohnentwicklung hat sich in Deutschland bekanntermaßen aufgrund politischer Entscheidungen schon vor vielen Jahren von der wirtschaftlichen Entwicklung entkoppelt.


Nie waren mehr Menschen in Beschäftigung, und weniger Arbeitslose gab es lange nicht.

In der Tat. Aber knapp 3 Millionen Arbeitslose nach der offiziellen Statistik, wohl eher 4 Millionen bei einer ehrlicheren Betrachtung, zusammen mit weiteren Millionen Menschen, die bei gleichem Stundenlohn gerne mehr arbeiten würden, aber nur Teilzeitjobs finden, sind wahrlich Grund zur Sorge.

Danach widmet er sich der absurden Idee von Nord-Euro und Süd-Euro.

Nun propagieren sie (nur) eine Zweiteilung des Euro in einen harten Nord-Euro (mit Deutschland) und einen weichen Süd-Euro – als wäre das so einfach. Eine solche Änderung hätte beinahe revolutionäre Konsequenzen.

...

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wären die schwachen Staaten ohne Deutschland oder gar den ganzen Norden verloren. Ihre Zinskosten würden nach oben schnellen, ein Bankrott wäre die Folge.

Ich persönlich halte die Idee von Süd- und Nord-Euro auch für Unsinn. Dass sie Idee nicht gesundem volkswirtschaftlichen Verstand, sondern dumpfen innereuropäischen Ressentiments entspringt erkennt man bereits daran, dass sich der ganz offensichtlichen Frage, wo denn dann Irland dazugehören sollte, niemand so richtig stellen will.

Aber dass die "Südstaaten" ohne Deutschland verloren wären ist vollkommener Unfug und beweist einmal mehr, dass Marc Beise keine Ahnung von der Funktionsweise eines Fiatgeldsystems hat. Denn wenn die "Südstaaten" nach einer solchen hypothetischen Teilung kooperieren würden, könnten sie dem Markt die auf Anleihen bezahlten Zinsen aufdiktieren. Dazu müssten sie sich natürlich wie eine geschlossene geldsouveräne Regierung verhalten, dem diverse politische Hürden entgegenstehen. Aber wenn die jeweiligen nationalen Regierungen die Sachverhalte verstehen würden, könnten diese Hürden schneller verschwinden als Amazon Wikileaks die Serverfarm zudreht. Dann wäre auch ein Bankrott kein Thema mehr, sofern die "Südstaaten" darauf beharren, bestehende Anleihen entweder gar nicht, oder ausschließlich in "Süd-Euro" zu bedienen - was sie in einer solchen Situation vernünftigerweise tun sollten.

Selbstverständlich wäre eine Konsequenz einer Teilung, dass der "Süd-Euro" im Vergleich zum "Nord-Euro" deutlich an Wert verlieren würde. Aber das wäre einfach nur eine natürliche Anpassung an realwirtschaftliche Gegebenheiten. Die südeuropäische Exportwirtschaft würde davon profitieren.

Natürlich basiert der von mir skizzierte Optimismus darauf, dass die "Südstaaten" im Fall der Fälle die ihnen offen stehenden Handlungsmöglichkeiten erkennen und auch wahrnehmen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich eine solche Euro-Teilung für eine Idiotie halte. Denn wenn der Euro gespalten wird, die "Südstaaten" sich aber nach wie vor Sparprogramme aufschwatzen lassen, so ist ihnen auch nur marginal geholfen. Wenn aber umgekehrt die Regierungen ihre Handlungsmöglichkeiten erkennen und einfordern würden, könnten sinnvolle konjunkturfördernde Maßnahmen auch ergriffen werden ohne den Euro aufzulösen.

Deutschlands Exportwirtschaft würde übrigens wegen der Währungsanpassung unter einer Auflösung des Euro massiv leiden - einer der wenigen Fakten, die die Realitätsbarriere in Marc Beises Schädel durchbrochen haben:

... die Währung der Deutschen würde dramatisch aufgewertet, und es wäre bald vorbei mit Wachstumsphantasie und Jobwunder. Zwar kann man theoretisch über eine zu starke Exportabhängigkeit lamentieren, allein: Die Deutschen haben sich noch kein anderes Wohlstandsmodell einfallen lassen.

Tatsächlich würde dann auch die Bevölkerung leiden, weil die Politik in ihrem Exportwahn versuchen würde, die nominale Währungsaufwertung real durch noch schärferes Lohndumping auszugleichen. Die Politik würde also vollkommen unnötig größeres Leid erzeugen.

Der zuletzt zitierte Satz ist nämlich dreiste Geschichtsfälschung. Die Exportfixierung Deutschlands ist eine eher junge Entwicklung der letzten zwei bis drei Jahrzehnte. Bis hinein in die 1970er Jahre wurde in Deutschland der Wohlstand recht erfolgreich durch eine aktive Konjunkturpolitik gewährleistet. Diese wurde dann aus rein ideologischen Gründen aufgegeben. Man müsste lediglich zu diesem Wohlstandsmodell zurückkehren.

Wirtschaftlich ist das problemlos machbar. Allein die herrschende Ideologie steht im Weg.

Dienstag, 23. November 2010

Pause

Ich habe beschlossen, dieses Blog eine Weile ruhen zu lassen. Bei allem Hin und Her zu Griechenland stellt die Presse zwar womöglich langsam fest, dass die Bundesregierung nicht mehr im Interesse der Bürger agiert, und warum, aber in Sachen volkswirtschaftlichen Verständnisses entwickelt sie sich nicht weiter. Das hat zur Folge, dass auch dieses Blog nicht all zu viel Spielraum für Entwicklungen bietet.

Sicher werde ich zu solchen Themen ab und zu auf meinem eigentlichen Blog schreiben. Und falls mich ein besonders blöder Artikel einmal mehr auf die Palme treiben sollte, werde ich mich hier auch wieder zu Wort melden.

Fürs Erste will ich aber nur noch einmal auf ein paar Ressourcen hinweisen, die die geneigte Leserin, die ernsthaft etwas über die wirtschaftlichen Zusammenhänge lernen möchte, nützlich finden könnte. Da wäre als Einstieg das Buch "7 Deadly Innocent Frauds" von Warren Mosler. Tiefer gehend ist das billy blog von Bill Mitchell. Ich kann auch das Totholz-Buch "Understanding Modern Money" von Randall Wray empfehlen.

Speziell aus dem deutschsprachigen Raum empfehle ich die NachDenkSeiten. Sie widmen sich einer allgemeinpolitischen Alternative zur gängigen Medienlandschaft, aber enthalten auch immer wieder progressive volkswirtschaftliche Analysen. Sie ignorieren die Lektionen der Modern Monetary Theory leider, sind aber trotzdem empfehlen, weil die meisten volkswirtschaftlichen Zusammenhänge ja nicht zwangsläufig damit zu tun haben, ob wir Fiat-Geld verwenden oder nicht.