Es ist allerliebst: jetzt, wo sich die Meldungen häufen, dass das Kreditvergabevolumen wieder ansteigt aufgrund der zur Zeit guten Nachfrage, bemerkt im Wirtschafts-Teil endlich mal jemand, dass es überhaupt keine Kreditklemme gab, und das alles nur eine Nebelkerze war - im Kommentar "Ein Phantomschmerz" von Harald Freiberger auf Seite 17. Hätte der sich nicht mal früher melden können?
Ein Armutszeugnis ist auch, dass die Wirtschaftsredaktion fünf Spalten einplant, um die Theorien eines Nobelpreisträgers für die eigene Ideologie einzuspannen. Wenn der gleiche Nobelpreisträger dann den USA einen Tag später fiskalische Impulse empfiehlt, wird daraus lediglich eine kurze Notiz ("Nobelpreisträger gibt Rat" auf Seite 19 der heutigen SZ).
Gegendarstellungen zu sachlichen Fehlern in den volkswirtschaftlichen Analysen der Süddeutschen Zeitung
Mittwoch, 13. Oktober 2010
Dienstag, 12. Oktober 2010
Wie über Nobelpreise berichtet wird
Auf Seite 21 wird im Artikel "Die Theorie zu den Hartz-Reformen" über die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreis für die Arbeit zu Suchmärkten berichtet. Nun kenne ich diese Arbeiten nicht, aber es ist schwer vorzustellen, dass sie so undifferenziert sind wie die Berichterstattung in diesem Artikel.
Das wäre glaubwürdig, wenn die Anzahl der offenen Stellen in der gleichen Größenordnung wäre wie die Arbeitslosigkeit, oder offene Stellen lange Zeit mangels Bewerbern unbesetzt blieben. Beides ist nicht der Fall.
Tatsächlich ist ein effizienter und transparenter Arbeitsmarkt eine feine Sache, aber politisch jetzt darauf zu setzen ist falsch. Genau darauf hat die Politik die letzten 10 Jahre schon gesetzt. Also sind inzwischen entweder alle Schwächen ausgeräumt oder die Politik ist einfach nicht in der Lage, die verbleibenden Schwächen auszuräumen.
Abgesehen davon: auch ein noch so effizienter Arbeitsmarkt kann keine neuen Arbeitsplätze schaffen. Letztlich sind die ganzen im Zitat angepriesenen Maßnahmen nur Quacksalberei wenn es darum gehen soll, die Arbeitslosenquote signifikant zu senken.
Durch eine Politik des Förderns und Forderns, aber auch durch eine effizientere, Suchkosten reduzierende Arbeitsvermittlung kann die Dauer der Arbeitslosigkeit verkürzt werden. Darum geht es bei Hartz IV. Leistungsausweitungen führen letztlich zur Verlängerung der Arbeitslosigkeit.
Das wäre glaubwürdig, wenn die Anzahl der offenen Stellen in der gleichen Größenordnung wäre wie die Arbeitslosigkeit, oder offene Stellen lange Zeit mangels Bewerbern unbesetzt blieben. Beides ist nicht der Fall.
Tatsächlich ist ein effizienter und transparenter Arbeitsmarkt eine feine Sache, aber politisch jetzt darauf zu setzen ist falsch. Genau darauf hat die Politik die letzten 10 Jahre schon gesetzt. Also sind inzwischen entweder alle Schwächen ausgeräumt oder die Politik ist einfach nicht in der Lage, die verbleibenden Schwächen auszuräumen.
Abgesehen davon: auch ein noch so effizienter Arbeitsmarkt kann keine neuen Arbeitsplätze schaffen. Letztlich sind die ganzen im Zitat angepriesenen Maßnahmen nur Quacksalberei wenn es darum gehen soll, die Arbeitslosenquote signifikant zu senken.
Freitag, 8. Oktober 2010
Die Generationenlüge
Nina von Hardenberg - was für eine lustige Fügung - verbreitet auf der Meinungsseite in ihrem Kommentar "Der Kettenbrief der Pflegeversicherung" das weit verbreitete fehlgeleitete Weltbild in Sachen Generationenkonflikt. Das fängt inhaltlich so an:
Dumm sind die jungen Beitragszahler in der Tat wenn sie sich darum Sorgen machen, wie viel Geld sie im Alter zur Verfügung haben werden. Viel wichtiger als die Frage nach dem Geld ist nämlich die Frage, wie viele reale Güter und Dienstleistungen sie im Alter in Anspruch nehmen können werden.
Wird es der realen Wirtschaft in 50 Jahren gut genug gehen, um die (vermutlich, aber so klar ist das bei weitem nicht - wer kann schon zuverlässig 50 Jahre in die Zukunft sehen) alternde Bevölkerung mit künstlichen Hüftgelenken zu versorgen? Falls ja, dann kann ein geldtechnisch souveräner Staat - den wir dann hoffentlich wieder haben werden, egal ob in einem EU-Rahmen oder nicht - das auch immer bezahlen, wenn es denn politisch gewollt ist. Ich empfehle die Auseinandersetzung mit Modern Monetary Theory, falls diese Aussage merkwürdig erscheint.
Wenn aber umgekehrt die reale Wirtschaft nicht leistungsfähig genug ist um die künstlichen Hüftgelenke herzustellen, dann helfen auch die größten Sparvermögen nicht weiter.
Ironischerweise führt die Panik vor eingebildeten Finanzierungsschwierigkeiten der zukünftigen Altersversorgung zu einer Politik, die die realwirtschaftlichen Voraussetzungen für eben diese Altersversorgung eher behindert. Wenn die Politik durch entsprechende Anreize die Sparquote der Bevölkerung erhöht und so den Konsum reduziert, schwächt das die reale Wirtschaft ganz konkret. Eine geschwächte Wirtschaft investiert aber weniger in die Forschung und Entwicklung die wir brauchen, um die Voraussetzungen für die zukünftige reale Versorgung der Gesellschaft zu gewährleisten.
Die Denkfehler, die zu dieser wirren Politik führen, sind ein durchaus verständlicher Fall vom Trugschluss der Komposition. Spart ein einzelnes Individuum mehr als andere, so erarbeitet es sich dadurch höchstwahrscheinlich den Vorteil, damit zukünftig über mehr reale Güter und Dienstleistungen verfügen zu können.
Wenn aber jeder spart, dann tritt dieser positive Effekt in der Zukunft nicht ein, während gleichzeitig negative Effekte in der Gegenwart ausgelöst werden (weil die Regierung irrationale Angst vor fiskalischen Impulsen hat).
Zusammen mit all den anderen Problemen einer privaten kapitalgedeckter Altersversorgung, wie zum Beispiel die Unsicherheit gegenüber Wirtschaftskrisen und ihrer Ineffizienz im Vergleich zu staatlichen Umlagesystemen, ist es geradezu zum Heulen, dass sie von Politikern nahezu aller Parteien als gutes Modell für eine Gesellschaft angepriesen wird.
Wenigstens eine Sache hat Nina von Hardenberg kapiert:
Freilich wäre es aus marktwirtschaftlicher Perspektive besser, die gesetzliche Versicherung verpflichtend zu machen, und private Versicherungen nur als Zusatzversicherungen zuzulassen.
In seinem Kommentar "Liberaler Irrläufer" auf Seite 17 demonstriert Marc Beise mal wieder sehr schön, wie extrem ideologisch verdreht er eigentlich ist. An sich ist das kein Problem: Kommentare sind da, um Meinungen zu enthalten. Problematisch wird es, wenn es gelingt krass ideologische Positionen als unideologisch zu verkaufen, weil nicht genug Meinungsvielfalt vorhanden ist. Daher will ich einmal ein paar Dinge gegenkommentieren, insbesondere den Hammer, den sich Beise am Ende leistet:
Aufgabe des Wirtschaftsministers ist die Leitung des Wirtschaftsministeriums, und zwar gemäß der Richtlinien des Kanzlers, so dass die Regierung ihr indirekt durch die Bevölkerung aufgetragenes politisches Mandat erfüllen kann.
In einer Zeit, in der für jeden sichtbar unterreguliert wird, ist es verkehrt, vor zu vielen Regeln zu warnen. Natürlich kann das Pendel auch wieder in die andere Richtung schwingen, dann muss man sich womöglich über zu restriktive Regeln Gedanken machen. Im Moment sind wir davon noch sehr weit entfernt.
Aber im Grunde ging es in dem Artikel ja um Lohnsteigerungen. In diesem Kontext sind es hauptsächlich Auslassungen, die man Beise vorwerfen muss.
Um zu verhindern, dass sein schräges Weltbild nicht gefährdet wird unterschlägt er, dass sich die Löhne in Deutschland über viele Jahre hinweg unterhalb der Produktivitätssteigerung entwickelt haben und so der Anteil der Arbeitnehmer an den erzielten Umsätzen zurückgegangen ist. Die schwächelnde Binnennachfrage, unter der Deutschland leidet, lässt sich auch auf diese Entwicklung zurückführen - schließlich sind volkswirtschaftlich betrachtet die Löhne nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch eine Einnahmequelle für Unternehmen.
Auch Helga Einecke übersieht in "Wette gegen den Dollar" den Elephanten im Raum.
In der Tat, aber der Kommentar übersieht das eigentliche Problem. Der Sparkurs der Regierungen der Euro-Länder wirkt sich negativ auf die Nachfrage in diesen Ländern aus. Solange diese (in meinen Augen vollkommen verkehrte) Politik weiterbesteht kann ein kräftiges Wirtschaftswachstum über die ganze Euro-Zone also rein aus unverrückbaren Bilanzgründen nur durch Nachfrage aus dem Ausland - sprich Netto-Exporte in Nicht-Euro-Länder - entstehen oder durch vermindertes Sparen bzw. steigende Verschuldung des privaten Sektors - ich persönlich halte Letzteres angesichts der noch frischen Erinnerung an die Finanzkrise für unplausibel (aber wer weiß das schon sicher).
Ein starker Euro wirkt sich auf Exporte aber negativ aus und macht dadurch die "Sanierungs"-Politik der Euro-Regierungen zunichte. Ein starker Euro kombiniert mit der aktuellen Politik ist also eine ziemlich schlechte Nachricht.
Soweit ich die Lage verstehe ist die echte Lösung natürlich nicht eine erzwungene Abwertung des Euros sondern eine bessere Politik und die Abkehr vom Exportwahn, aber darüber habe ich ja schon des öfteren geschrieben.
Zum Artikel "Trichet treibt Europas Währung" auf Seite 24 verweise ich auf Bill Mitchell, der das ganze Gerede um Wechselkurse und insbesondere den Yuan souveräner als ich einordnen kann.
Die Dummen sind heute die jungen Beitragszahler. Denn wenn sie einmal gebrechlich sind, wird es viel mehr alte und weniger junge Menschen geben. Man muss kein Mathematik-Genie sein, um zu wissen, dass dann entweder jeder weniger bekommt oder die Versicherung wesentlich teurer wird.
Dumm sind die jungen Beitragszahler in der Tat wenn sie sich darum Sorgen machen, wie viel Geld sie im Alter zur Verfügung haben werden. Viel wichtiger als die Frage nach dem Geld ist nämlich die Frage, wie viele reale Güter und Dienstleistungen sie im Alter in Anspruch nehmen können werden.
Wird es der realen Wirtschaft in 50 Jahren gut genug gehen, um die (vermutlich, aber so klar ist das bei weitem nicht - wer kann schon zuverlässig 50 Jahre in die Zukunft sehen) alternde Bevölkerung mit künstlichen Hüftgelenken zu versorgen? Falls ja, dann kann ein geldtechnisch souveräner Staat - den wir dann hoffentlich wieder haben werden, egal ob in einem EU-Rahmen oder nicht - das auch immer bezahlen, wenn es denn politisch gewollt ist. Ich empfehle die Auseinandersetzung mit Modern Monetary Theory, falls diese Aussage merkwürdig erscheint.
Wenn aber umgekehrt die reale Wirtschaft nicht leistungsfähig genug ist um die künstlichen Hüftgelenke herzustellen, dann helfen auch die größten Sparvermögen nicht weiter.
Ironischerweise führt die Panik vor eingebildeten Finanzierungsschwierigkeiten der zukünftigen Altersversorgung zu einer Politik, die die realwirtschaftlichen Voraussetzungen für eben diese Altersversorgung eher behindert. Wenn die Politik durch entsprechende Anreize die Sparquote der Bevölkerung erhöht und so den Konsum reduziert, schwächt das die reale Wirtschaft ganz konkret. Eine geschwächte Wirtschaft investiert aber weniger in die Forschung und Entwicklung die wir brauchen, um die Voraussetzungen für die zukünftige reale Versorgung der Gesellschaft zu gewährleisten.
Die Denkfehler, die zu dieser wirren Politik führen, sind ein durchaus verständlicher Fall vom Trugschluss der Komposition. Spart ein einzelnes Individuum mehr als andere, so erarbeitet es sich dadurch höchstwahrscheinlich den Vorteil, damit zukünftig über mehr reale Güter und Dienstleistungen verfügen zu können.
Wenn aber jeder spart, dann tritt dieser positive Effekt in der Zukunft nicht ein, während gleichzeitig negative Effekte in der Gegenwart ausgelöst werden (weil die Regierung irrationale Angst vor fiskalischen Impulsen hat).
Zusammen mit all den anderen Problemen einer privaten kapitalgedeckter Altersversorgung, wie zum Beispiel die Unsicherheit gegenüber Wirtschaftskrisen und ihrer Ineffizienz im Vergleich zu staatlichen Umlagesystemen, ist es geradezu zum Heulen, dass sie von Politikern nahezu aller Parteien als gutes Modell für eine Gesellschaft angepriesen wird.
Wenigstens eine Sache hat Nina von Hardenberg kapiert:
Eine gerechte Reform muss auch einen Ausgleich zwischen den privaten und den gesetzlichen Kassen schaffen. [...] Tatsächlich ist der derzeitige Zustand unhaltbar, dass Privatversicherungen dank vieler gesunder Mitglieder günstiger sind als Kassen – dass sich also Spitzenverdiener bei einem exakt gleichen Angebot billiger versichern können als Arme.
Freilich wäre es aus marktwirtschaftlicher Perspektive besser, die gesetzliche Versicherung verpflichtend zu machen, und private Versicherungen nur als Zusatzversicherungen zuzulassen.
In seinem Kommentar "Liberaler Irrläufer" auf Seite 17 demonstriert Marc Beise mal wieder sehr schön, wie extrem ideologisch verdreht er eigentlich ist. An sich ist das kein Problem: Kommentare sind da, um Meinungen zu enthalten. Problematisch wird es, wenn es gelingt krass ideologische Positionen als unideologisch zu verkaufen, weil nicht genug Meinungsvielfalt vorhanden ist. Daher will ich einmal ein paar Dinge gegenkommentieren, insbesondere den Hammer, den sich Beise am Ende leistet:
Wer der Wirtschaft zu viele Regeln oder zu hohe Kosten aufhalst, vernichtet Jobs. Dies immer wieder zu betonen, wäre die Aufgabe des Wirtschaftsministers.
Aufgabe des Wirtschaftsministers ist die Leitung des Wirtschaftsministeriums, und zwar gemäß der Richtlinien des Kanzlers, so dass die Regierung ihr indirekt durch die Bevölkerung aufgetragenes politisches Mandat erfüllen kann.
In einer Zeit, in der für jeden sichtbar unterreguliert wird, ist es verkehrt, vor zu vielen Regeln zu warnen. Natürlich kann das Pendel auch wieder in die andere Richtung schwingen, dann muss man sich womöglich über zu restriktive Regeln Gedanken machen. Im Moment sind wir davon noch sehr weit entfernt.
Aber im Grunde ging es in dem Artikel ja um Lohnsteigerungen. In diesem Kontext sind es hauptsächlich Auslassungen, die man Beise vorwerfen muss.
Um zu verhindern, dass sein schräges Weltbild nicht gefährdet wird unterschlägt er, dass sich die Löhne in Deutschland über viele Jahre hinweg unterhalb der Produktivitätssteigerung entwickelt haben und so der Anteil der Arbeitnehmer an den erzielten Umsätzen zurückgegangen ist. Die schwächelnde Binnennachfrage, unter der Deutschland leidet, lässt sich auch auf diese Entwicklung zurückführen - schließlich sind volkswirtschaftlich betrachtet die Löhne nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch eine Einnahmequelle für Unternehmen.
Auch Helga Einecke übersieht in "Wette gegen den Dollar" den Elephanten im Raum.
Der starke Euro könnte einen Mann wie den EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet freuen. Ist der nicht der sichtbarste Beweis dafür, dass im Euroraum wieder alles in Ordnung ist? Wer so denkt,
liegt doppelt falsch.
In der Tat, aber der Kommentar übersieht das eigentliche Problem. Der Sparkurs der Regierungen der Euro-Länder wirkt sich negativ auf die Nachfrage in diesen Ländern aus. Solange diese (in meinen Augen vollkommen verkehrte) Politik weiterbesteht kann ein kräftiges Wirtschaftswachstum über die ganze Euro-Zone also rein aus unverrückbaren Bilanzgründen nur durch Nachfrage aus dem Ausland - sprich Netto-Exporte in Nicht-Euro-Länder - entstehen oder durch vermindertes Sparen bzw. steigende Verschuldung des privaten Sektors - ich persönlich halte Letzteres angesichts der noch frischen Erinnerung an die Finanzkrise für unplausibel (aber wer weiß das schon sicher).
Ein starker Euro wirkt sich auf Exporte aber negativ aus und macht dadurch die "Sanierungs"-Politik der Euro-Regierungen zunichte. Ein starker Euro kombiniert mit der aktuellen Politik ist also eine ziemlich schlechte Nachricht.
Soweit ich die Lage verstehe ist die echte Lösung natürlich nicht eine erzwungene Abwertung des Euros sondern eine bessere Politik und die Abkehr vom Exportwahn, aber darüber habe ich ja schon des öfteren geschrieben.
Zum Artikel "Trichet treibt Europas Währung" auf Seite 24 verweise ich auf Bill Mitchell, der das ganze Gerede um Wechselkurse und insbesondere den Yuan souveräner als ich einordnen kann.
Dienstag, 5. Oktober 2010
Verstehen die Asiaten die Volkswirtschaft?
Heute lädt eine beinahe nebenbei geschriebene Bemerkung auf Seite 1 im Artikel "Europa und Asien arbeiten enger zusammen" zu amüsanter Spekulation ein:
Ob die nicht näher genannten asiatischen Länder - ein Kommentar von Cerstin Gammelin auf der Meinungsseite legt nahe, dass es sich primär um China handelt - verstehen, dass ein Sparkurs die europäische Wirtschaft weiter belasten und daher die in Asien gehaltenen Euro-Reserven weiter gefährden wird? Schon jetzt zeichnet sich an einigen Stellen ab, dass es wieder bergab gehen wird.
Da zumindest China die heimische Wirtschaft mit massiven Staatsdefiziten anfeuert muss man eigentlich davon ausgehen, dass sie sich dieser Mechanismen bewusst sind. Ist also das Drängen auf einen Sparkurs ein geschickter Akt der volkswirtschaftlichen Sabotage? Andererseits: die Euro-Regierungen reiten sich ganz von alleine in den Absturz und brauchen dafür keine chinesischen Einflüsterer. Vielleicht glauben die Chinesen also wirklich, dass die europäischen Volkswirtschaften nach ganz anderen Kriterien funktionieren als ihre eigene?
Kurios ist das alles jedenfalls.
Über die Dummheit eines Sparkurses habe ich schon anderswo geschrieben, deshalb will ich im Zusammenhang mit dem Artikel "Bundesbank verlangt härteren Sparkurs" auf Seite 6 auf etwas anderes hinweisen:
Man fragt sich, woher solche Zahlen kommen - insbesondere fragt man sich, ob irgendjemand über die interne Logik solcher Zahlen zueinander nachdenkt.
Setzen wir doch die 6 Millionen Passagiere weniger den 16 400 verlorenen Arbeitsplätzen gegenüber, dann kommen wir auf knapp 366 Passagiere pro Arbeitsplatz. Das Jahr hat ungefähr 366 Tage. Im Klartext heißt das also: der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften behauptet, dass die Fluggesellschaften 16 400 Arbeitsplätze einsparen könnten, wenn pro Tag 16 400 Menschen weniger fliegen würden.
Diese Zahlen kann man also getrost als übertriebene Schaumschlägerei eines Lobbyverbands ignorieren.
Zu guter Letzt gehört zu Kritik auch, dass man Gutes lobt. In diesem Zusammenhang gefällt mir Fabian Heckenbergers Artikel "Halbvoll bis halbleer" auf Seite 19 zumindest insofern, als er auf die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten ein und derselben Nachricht hinweist, wie auch ich es schon zu einem anderen Anlass getan habe.
Die Zwischenüberschrift ist leider ziemlich tendenziös. Aber ich bin schon froh, wenn ich im SZ-Wirtschaftsteil einen Artikel wenigstens teilweise loben kann.
Wie von Diplomaten zu erfahren war, verknüpfen die asiatischen Länder ihre Bereitschaft, weitgehende Reformen im Rahmen der G 20 zu unterstützen mit der Erwartung an die Europäer, ihre öffentlichen Haushalte in Ordnung bringen.
Ob die nicht näher genannten asiatischen Länder - ein Kommentar von Cerstin Gammelin auf der Meinungsseite legt nahe, dass es sich primär um China handelt - verstehen, dass ein Sparkurs die europäische Wirtschaft weiter belasten und daher die in Asien gehaltenen Euro-Reserven weiter gefährden wird? Schon jetzt zeichnet sich an einigen Stellen ab, dass es wieder bergab gehen wird.
Da zumindest China die heimische Wirtschaft mit massiven Staatsdefiziten anfeuert muss man eigentlich davon ausgehen, dass sie sich dieser Mechanismen bewusst sind. Ist also das Drängen auf einen Sparkurs ein geschickter Akt der volkswirtschaftlichen Sabotage? Andererseits: die Euro-Regierungen reiten sich ganz von alleine in den Absturz und brauchen dafür keine chinesischen Einflüsterer. Vielleicht glauben die Chinesen also wirklich, dass die europäischen Volkswirtschaften nach ganz anderen Kriterien funktionieren als ihre eigene?
Kurios ist das alles jedenfalls.
Über die Dummheit eines Sparkurses habe ich schon anderswo geschrieben, deshalb will ich im Zusammenhang mit dem Artikel "Bundesbank verlangt härteren Sparkurs" auf Seite 6 auf etwas anderes hinweisen:
So erklärte der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften, durch die Einführung einer Flugticketsteuer mit einem jährlichen Aufkommen von einer Milliarde Euro drohe der Verlust von sechs Millionen Passagieren im Jahr und von 16 400 Arbeitsplätzen.
Man fragt sich, woher solche Zahlen kommen - insbesondere fragt man sich, ob irgendjemand über die interne Logik solcher Zahlen zueinander nachdenkt.
Setzen wir doch die 6 Millionen Passagiere weniger den 16 400 verlorenen Arbeitsplätzen gegenüber, dann kommen wir auf knapp 366 Passagiere pro Arbeitsplatz. Das Jahr hat ungefähr 366 Tage. Im Klartext heißt das also: der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften behauptet, dass die Fluggesellschaften 16 400 Arbeitsplätze einsparen könnten, wenn pro Tag 16 400 Menschen weniger fliegen würden.
Diese Zahlen kann man also getrost als übertriebene Schaumschlägerei eines Lobbyverbands ignorieren.
Zu guter Letzt gehört zu Kritik auch, dass man Gutes lobt. In diesem Zusammenhang gefällt mir Fabian Heckenbergers Artikel "Halbvoll bis halbleer" auf Seite 19 zumindest insofern, als er auf die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten ein und derselben Nachricht hinweist, wie auch ich es schon zu einem anderen Anlass getan habe.
Die Zwischenüberschrift ist leider ziemlich tendenziös. Aber ich bin schon froh, wenn ich im SZ-Wirtschaftsteil einen Artikel wenigstens teilweise loben kann.
Samstag, 2. Oktober 2010
Selbstverschuldete Handlungsunfähigkeit
Heute ist Marc Beise auf der Meinungsseite an der Reihe mit seinem Kommentar "Wer wie viel verdient". Genüsslich präsentiert er wieder einmal ein Lieblings-"Argument" derjenigen, die den Staat in seinem Freiraum bei der Regulierung der Finanzmärkte einschränken wollen:
Der Spitzensatz der Einkommenssteuer wirkt sich nicht auf Unternehmensbilanzen aus, wieso sollte er also einen Einfluss auf Investitionsentscheidungen haben? Wenn Spitzeneinkommen begrenzt werden, wirkt sich das sogar ganz unmittelbar positiv auf die Bilanzen aus.
Hier wird versucht, einen Zusammenhang herzustellen wo ganz offensichtlich keiner existiert. Die Schauergeschichten, mit denen hier die Handlungsfähigkeit von Regierungen eingeschränkt werden soll, sind frei erfunden. Das ist aber nicht der einzige Mythos, den Marc Beise heute weiter zu verbreiten versucht:
Die Arbeitsplätze, von denen er hier spricht, sind heutzutage nur deshalb rentabel, weil die Arbeitnehmer ihren mageren Lohn vom Staat aufstocken lassen können. Hierin liegt der wahre Eingriff des Staates in die Marktwirtschaft, und mit einem Mindestlohn könnte diese Verzerrung des Wettbewerbs endlich beendet werden.
Im Übrigen ist es keinesfalls so, dass irgendjemand mit Sicherheit sagen könnte, ob sich die Einführung eines Mindestlohns positiv oder negativ auf die Anzahl der vorhandenen Arbeitsplätze auswirken würde. Ein Blick ins europäische Ausland, in dem überwiegend gesetzliche Mindestlöhne gelten, legt aber nahe, dass der Effekt eher positiv wäre. Eine von ver.di in Auftrag gegebene Studie kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass durch einen Mindestlohn netto mehr Arbeitsplätze entstehen würden.
(Das bedeutet, dass zwar einzelne Arbeitsplätze tatsächlich verloren gehen können, insgesamt aber - indirekt durch den positiven Impuls für den Konsum - mehr neue Arbeitsplätze entstehen würden.)
Im Wirtschaftsteil auf Seite 23 wiederholt Alexander Hagelüken im Kommentar "Das Währungsdrama" vielen Unsinn, den ich hier bereits krisiert haben. Ich will aber auch auf einen neuen Aspekt hinweisen.
Hinter dieser Aussage versteckt sich die implizite Behauptung, Regierungen könnten das Staatsdefizit direkt kontrollieren. Dass das falsch ist, sieht man empirisch unter anderem an Irland, das trotz größter (dummer) Bemühungen nicht in der Lage ist, das Staatsdefizit wie gewollt zu senken, weil mangels Wirtschaftsaktivität einfach die Steuereinnahmen ausbleiben.
Das Staatsdefizit ergibt sich nach den politischen Ausgabenentscheidungen zum großen Teil aus der Differenz aus Sozialausgaben und Steuereinnahmen, und diese Differenz ergibt sich nunmal aus der Konjunktur, auf die die Regierung nur indirekt Einfluss nehmen kann. Wenn sie z.B. wie jetzt die fiskalischen Impulse zurückfährt, wird sich die Differenz aus Sozialausgaben minus Steuereinnahmen zwangsläufig vergrößern, weil einerseits durch höhere Arbeitslosigkeit die Sozialausgaben steigen und andererseits durch verminderte Wirtschaftsaktivität die Steuereinnahmen zurückgehen.
Dann kommt es darauf an, ob diese Vergrößerung geringer ausfällt als die Einsparung durch reduzierte fiskalische Impulse. In der aktuellen Lage sieht es eher so aus, als ob jeglicher Sparversuch durch die dadurch verschlechterte Konjunktur zunichte gemacht würde.
Wenn unsere Politiker kapieren würden, dass sie erstens keine Kontrolle über das Staatsdefizit haben und dass das zweitens eigentlich auch gar nicht so schlimm sein müsste - wenn nicht die Sache mit den Staatsschulden wäre - dann wäre uns allen viel geholfen.
Was ist also die Sache mit den Staatsschulden? Für einen souveränen Staat sind Staatsschulden kein Problem - aber die Euro-Länder sind leider nicht souverän. Irgendwann dazu vielleicht mehr Hintergründe, vorerst nur eine kurze Anmerkung:
Diese Aussage ist naiv. Deutschland hatte mit seiner föderalen Struktur zu DM-Zeiten im Prinzip die gleichen strukturellen Schwierigkeiten wie die Euro-Zone heute, nur dass das durch Länderfinanzausgleich und eine starke Bundesregierung immer abgefedert werden konnte. Wenn das Experiment Euro langfristig funktionieren soll, müssen auf Euro-Ebene ähnlich starke Ausgleichsmechanismen eingeführt werden.
Was ist dagegen das Rezept des heutigen Leitkommentators der SZ-Wirtschaftsredaktion?
Die letzten 20 Jahre haben unübersehbar gezeigt, dass eine Lockerung des Arbeitsrechts nicht zu einem echten Anstieg der Anzahl der Arbeitsplätze führt. Bestenfalls versteckt man das Problem dadurch wie in Deutschland in einem Sektor der Unterbeschäftigung.
Zynisch ist auch der Vorschlag, das Rentenalter zu erhöhen um den Sozialstaat finanzierbar zu halten. Zur Erinnerung: Sagen wir, die aktive Erwerbsbevölkerung ist A, die Anzahl der Erwerbstätigen ist B, und die Arbeitslosen sind C. Dann gilt per Definition:
A = B + C
Ein Erhöhen des Rentenalters erhöht logischerweise die Zahl A. Also muss entweder B oder C größer werden. Aber wieso sollten Firmen neue Mitarbeiter einstellen, nur weil plötzlich mehr ältere Menschen arbeiten wollen? B wird sich alleine durch das Erhöhen des Rentenalters nicht verändern.
Wenn alle anderen Parameter gleichbleiben führt eine Erhöhung des Rentenalters zwangsläufig zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit. Die wiederum belastet den Sozialstaat. Wie sich die Sozialstaatsausgaben durch die Erhöhung des Rentenalters verändern hängt also im Wesentlichen nur davon ab, wie groß die Ausgaben für Arbeitslose gegenüber den Renten sind.
Mit vernünftiger Politik hat das nichts zu tun.
Die anderen Rezepte zeichnen sich auch nicht gerade durch Nachdenken aus:
Hier schwingt wieder die Vorstellung mit, dass doch alle Länder dem Beispiel Deutschlands folgen sollten und die Arbeitnehmer belasten um zu Exportländern zu werden. Das ist ein klassischer Fall vom Trugschluss der Komposition. Wenn jedes Land so vorgeht, kann dies nicht gelingen, da schließlich den Exportländern auch Importländer gegenüberstehen müssen. Daraus entsteht ein Wettbewerb in den Abgrund, bei dem die Staaten darum wetteifern, wer es seinen Bürgern schlechter gehen lassen kann um dadurch die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
Das kann nicht Sinn und Zweck von Wirtschaftspolitik sein.
Am Ende noch ein Hinweis auf eine Notiz auf Seite 25, "Arbeitsmarkt erholt sich nur langsam", zu einer Mitteilung der International Labour Organisation. In diesem Zusammenhang will ich auf Bill Mitchells Analyse dieser Mittelung verweisen.
Die Politik hat dazu auf dem Papier alle Möglichkeiten. Der Gesetzgeber kann, unter Beachtung der verfassungsrechtlichen Vorgaben, Managervergütung steuern, Spitzeneinkommen begrenzen, Boni verbieten. Er kann den Spitzensteuersatz nach oben schieben, bis es schmerzt.
All das ginge - nur ist Deutschland dummerweise keine Insel, und Geld ein flüchtiges Gut. In der globalisierten Welt würden die internationalen Kapitalströme sofort, buchstäblich über Nacht, in andere Staaten und Volkswirtschaften fließen.
Der Spitzensatz der Einkommenssteuer wirkt sich nicht auf Unternehmensbilanzen aus, wieso sollte er also einen Einfluss auf Investitionsentscheidungen haben? Wenn Spitzeneinkommen begrenzt werden, wirkt sich das sogar ganz unmittelbar positiv auf die Bilanzen aus.
Hier wird versucht, einen Zusammenhang herzustellen wo ganz offensichtlich keiner existiert. Die Schauergeschichten, mit denen hier die Handlungsfähigkeit von Regierungen eingeschränkt werden soll, sind frei erfunden. Das ist aber nicht der einzige Mythos, den Marc Beise heute weiter zu verbreiten versucht:
Will man diese Schranke aushebeln, müsste man Mindestlöhne festsetzen, nicht wie bisher nach sorgfältiger Abwägung Branche für Branche, sondern generell. Das aber wäre ein schwerer Eingriff in die Marktwirtschaft, Arbeitsplätze in großer Zahl würden unrentabel und gingen verloren.
Die Arbeitsplätze, von denen er hier spricht, sind heutzutage nur deshalb rentabel, weil die Arbeitnehmer ihren mageren Lohn vom Staat aufstocken lassen können. Hierin liegt der wahre Eingriff des Staates in die Marktwirtschaft, und mit einem Mindestlohn könnte diese Verzerrung des Wettbewerbs endlich beendet werden.
Im Übrigen ist es keinesfalls so, dass irgendjemand mit Sicherheit sagen könnte, ob sich die Einführung eines Mindestlohns positiv oder negativ auf die Anzahl der vorhandenen Arbeitsplätze auswirken würde. Ein Blick ins europäische Ausland, in dem überwiegend gesetzliche Mindestlöhne gelten, legt aber nahe, dass der Effekt eher positiv wäre. Eine von ver.di in Auftrag gegebene Studie kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass durch einen Mindestlohn netto mehr Arbeitsplätze entstehen würden.
(Das bedeutet, dass zwar einzelne Arbeitsplätze tatsächlich verloren gehen können, insgesamt aber - indirekt durch den positiven Impuls für den Konsum - mehr neue Arbeitsplätze entstehen würden.)
Im Wirtschaftsteil auf Seite 23 wiederholt Alexander Hagelüken im Kommentar "Das Währungsdrama" vielen Unsinn, den ich hier bereits krisiert haben. Ich will aber auch auf einen neuen Aspekt hinweisen.
Zum einen müssen staatliche Defizite frühzeitig begrenzt werden, bevor sie auf einen Ballon der irischen Größe anschwellen, der kaum zu steuern ist.
Hinter dieser Aussage versteckt sich die implizite Behauptung, Regierungen könnten das Staatsdefizit direkt kontrollieren. Dass das falsch ist, sieht man empirisch unter anderem an Irland, das trotz größter (dummer) Bemühungen nicht in der Lage ist, das Staatsdefizit wie gewollt zu senken, weil mangels Wirtschaftsaktivität einfach die Steuereinnahmen ausbleiben.
Das Staatsdefizit ergibt sich nach den politischen Ausgabenentscheidungen zum großen Teil aus der Differenz aus Sozialausgaben und Steuereinnahmen, und diese Differenz ergibt sich nunmal aus der Konjunktur, auf die die Regierung nur indirekt Einfluss nehmen kann. Wenn sie z.B. wie jetzt die fiskalischen Impulse zurückfährt, wird sich die Differenz aus Sozialausgaben minus Steuereinnahmen zwangsläufig vergrößern, weil einerseits durch höhere Arbeitslosigkeit die Sozialausgaben steigen und andererseits durch verminderte Wirtschaftsaktivität die Steuereinnahmen zurückgehen.
Dann kommt es darauf an, ob diese Vergrößerung geringer ausfällt als die Einsparung durch reduzierte fiskalische Impulse. In der aktuellen Lage sieht es eher so aus, als ob jeglicher Sparversuch durch die dadurch verschlechterte Konjunktur zunichte gemacht würde.
Wenn unsere Politiker kapieren würden, dass sie erstens keine Kontrolle über das Staatsdefizit haben und dass das zweitens eigentlich auch gar nicht so schlimm sein müsste - wenn nicht die Sache mit den Staatsschulden wäre - dann wäre uns allen viel geholfen.
Was ist also die Sache mit den Staatsschulden? Für einen souveränen Staat sind Staatsschulden kein Problem - aber die Euro-Länder sind leider nicht souverän. Irgendwann dazu vielleicht mehr Hintergründe, vorerst nur eine kurze Anmerkung:
Die Währungsunion wird nur weiterbestehen, wenn die einzelnen Mitglieder aufhören, gegeneinander zu arbeiten. Es muss vorbei sein mit exzessiven Schulden, die ohne Hilfe fremder Steuerzahler in den Staatsbankrott führen.
Diese Aussage ist naiv. Deutschland hatte mit seiner föderalen Struktur zu DM-Zeiten im Prinzip die gleichen strukturellen Schwierigkeiten wie die Euro-Zone heute, nur dass das durch Länderfinanzausgleich und eine starke Bundesregierung immer abgefedert werden konnte. Wenn das Experiment Euro langfristig funktionieren soll, müssen auf Euro-Ebene ähnlich starke Ausgleichsmechanismen eingeführt werden.
Was ist dagegen das Rezept des heutigen Leitkommentators der SZ-Wirtschaftsredaktion?
Gleichzeitig gingen viele Spanier auf die Straße, um eine Politik zu blockieren, die dem Land eine Zukunft verspricht: flexibleres Arbeitsrecht und höheres Rentenalter, um die Arbeitslosigkeit von 20 Prozent zu senken und den Sozialstaat finanzierbar zu halten.
Die letzten 20 Jahre haben unübersehbar gezeigt, dass eine Lockerung des Arbeitsrechts nicht zu einem echten Anstieg der Anzahl der Arbeitsplätze führt. Bestenfalls versteckt man das Problem dadurch wie in Deutschland in einem Sektor der Unterbeschäftigung.
Zynisch ist auch der Vorschlag, das Rentenalter zu erhöhen um den Sozialstaat finanzierbar zu halten. Zur Erinnerung: Sagen wir, die aktive Erwerbsbevölkerung ist A, die Anzahl der Erwerbstätigen ist B, und die Arbeitslosen sind C. Dann gilt per Definition:
A = B + C
Ein Erhöhen des Rentenalters erhöht logischerweise die Zahl A. Also muss entweder B oder C größer werden. Aber wieso sollten Firmen neue Mitarbeiter einstellen, nur weil plötzlich mehr ältere Menschen arbeiten wollen? B wird sich alleine durch das Erhöhen des Rentenalters nicht verändern.
Wenn alle anderen Parameter gleichbleiben führt eine Erhöhung des Rentenalters zwangsläufig zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit. Die wiederum belastet den Sozialstaat. Wie sich die Sozialstaatsausgaben durch die Erhöhung des Rentenalters verändern hängt also im Wesentlichen nur davon ab, wie groß die Ausgaben für Arbeitslose gegenüber den Renten sind.
Mit vernünftiger Politik hat das nichts zu tun.
Die anderen Rezepte zeichnen sich auch nicht gerade durch Nachdenken aus:
Es ist eine falsche Wirtschaftspolitik, die Länder wie Griechenland oder Spanien an den Abgrund führt: Zu hohe Löhne, die nicht durch Exporterfolge finanziert sind. Und zu hohe Sozial- und Rentenausgaben, die sich nicht bezahlen lassen.
Hier schwingt wieder die Vorstellung mit, dass doch alle Länder dem Beispiel Deutschlands folgen sollten und die Arbeitnehmer belasten um zu Exportländern zu werden. Das ist ein klassischer Fall vom Trugschluss der Komposition. Wenn jedes Land so vorgeht, kann dies nicht gelingen, da schließlich den Exportländern auch Importländer gegenüberstehen müssen. Daraus entsteht ein Wettbewerb in den Abgrund, bei dem die Staaten darum wetteifern, wer es seinen Bürgern schlechter gehen lassen kann um dadurch die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
Das kann nicht Sinn und Zweck von Wirtschaftspolitik sein.
Am Ende noch ein Hinweis auf eine Notiz auf Seite 25, "Arbeitsmarkt erholt sich nur langsam", zu einer Mitteilung der International Labour Organisation. In diesem Zusammenhang will ich auf Bill Mitchells Analyse dieser Mittelung verweisen.
Freitag, 1. Oktober 2010
Wie man Unternehmen ruiniert
Heute ist mal Ruhepause, man kann sich schließlich nicht immer aufregen. Nur auf das schöne Fazit Christian Webers auf der Wissenseite der heutigen SZ möchte ich hinweisen, da es ganz gut zum Thema dieses Blogs passt. Den Artikel über eine Studie zu Diskussionskultur schließt er recht schnippisch:
Noch Fragen?
Wer also ein Unternehmen ruinieren möchte, ruft am besten regelmäßig männliche Runden egomanischer Eierköpfe zusammen.
Noch Fragen?
Donnerstag, 30. September 2010
Mit Volldampf in den Abgrund
Eigentlich wollte ich es heute mal gut sein lassen, nichts schreiben, man kann sich ja nur zu leicht übernehmen. Dann habe ich die Seite Eins der heutigen SZ gesehen, und mir kam fast das Kotzen.
Wenn ein Land wie Irland, das wegen seiner Wirtschaftslage sinkende Steuereinnahmen und dadurch hohe Staatsdefizite hat (siehe den Eintrag von gestern) will die europäische Kommission dem Land zukünftig noch eine reinwürgen, indem es Strafzahlungen erzwingt. Das ist so dumm, dumm, dumm, prozyklische Politik der schlimmsten Art.
Die versammelte politische Elite redet andauernd davon, man sei schlauer als damals in den 1930er Jahren und werde nicht die gleichen Fehler wiederholen - und dreißig Sekunden später ist alles vergessen, und sie machen genau die gleichen verdammten Fehler.
Keynes scheint vollkommen vergessen zu sein, und wenn man an ihn erinnert kommt die verschämte Ausrede, man müsse Keynes differenzierter sehen, er sei ja im Grunde auch für einen langfristig ausgeglichenen Staatshaushalt gewesen und so weiter. Was dabei vergessen wird ist, dass Keynes Haltung in der jetzigen Situation vollkommen klar wäre und dass Keynes zu einer Zeit gelebt hat, in der weltweit direkt oder indirekt der Goldstandard geherrscht hat. Aber seit knapp 40 Jahren funktionieren unsere Geldsysteme grundlegend anders, weshalb auch die Funktion von Staatsschulden signifikant überdacht werden muss, nur dass das fast niemand gemerkt hat.
Die meisten EU-Staaten wehren sich zwar gegen die vorgeschlagenen Sanktionen. Leider nützt das nichts, weil auch diese Staaten im Grunde überhaupt nichts verstanden haben. Sie wehren sich nur, weil sie ihre Souveränität gefährdet sehen, was aus Perspektive der Modern Monetary Theory schon lustig ist - schließlich haben zumindest die Euro-Staaten ihre Souveränität schon lange freiwillig aufgegeben. Gleichzeitig implementieren die gleichen Staaten aber nur allzu gerne fleißig genau die "Reformen", die die Krise verschlimmern werden - und Cerstin Gammelin gießt auf der Meinungsseite weiter Öl ins Feuer.
Das einzige Problem, das die Eurozone in Sachen Staatsschulden hat ist, dass die EZB für die Staatsschulden nicht garantiert, weil sie nicht verstanden hat, welche Funktion Staatsschulden in einem modernen Geldsystem haben: in einem funktionierenden Fiat-Geldsystem sind Staatsschulden ein Instrument der Geldpolitik und haben nichts mit der Finanzierung der Staatsausgaben zu tun - siehe die Links oben.
Neben dem fehlenden volkswirtschaftlichen Verständnis ist das Hauptproblem, dass niemand ernsthaft die Verbindung zwischen der unnötig hohen Arbeitslosigkeit (die, nebenbei bemerkt, das zentrale reale Problem dieser Krise ist) und den - ebenfalls auf der Seite Eins photogen platzierten - sozialen Unruhen und Protesten einerseits sowie den Verstößen Frankreichs gegen die EU-Freizügigkeit in Sachen Roma andererseits herstellt.
Wie gesagt, es ist zum Kotzen.
Wenn ein Land wie Irland, das wegen seiner Wirtschaftslage sinkende Steuereinnahmen und dadurch hohe Staatsdefizite hat (siehe den Eintrag von gestern) will die europäische Kommission dem Land zukünftig noch eine reinwürgen, indem es Strafzahlungen erzwingt. Das ist so dumm, dumm, dumm, prozyklische Politik der schlimmsten Art.
Die versammelte politische Elite redet andauernd davon, man sei schlauer als damals in den 1930er Jahren und werde nicht die gleichen Fehler wiederholen - und dreißig Sekunden später ist alles vergessen, und sie machen genau die gleichen verdammten Fehler.
Keynes scheint vollkommen vergessen zu sein, und wenn man an ihn erinnert kommt die verschämte Ausrede, man müsse Keynes differenzierter sehen, er sei ja im Grunde auch für einen langfristig ausgeglichenen Staatshaushalt gewesen und so weiter. Was dabei vergessen wird ist, dass Keynes Haltung in der jetzigen Situation vollkommen klar wäre und dass Keynes zu einer Zeit gelebt hat, in der weltweit direkt oder indirekt der Goldstandard geherrscht hat. Aber seit knapp 40 Jahren funktionieren unsere Geldsysteme grundlegend anders, weshalb auch die Funktion von Staatsschulden signifikant überdacht werden muss, nur dass das fast niemand gemerkt hat.
Die meisten EU-Staaten wehren sich zwar gegen die vorgeschlagenen Sanktionen. Leider nützt das nichts, weil auch diese Staaten im Grunde überhaupt nichts verstanden haben. Sie wehren sich nur, weil sie ihre Souveränität gefährdet sehen, was aus Perspektive der Modern Monetary Theory schon lustig ist - schließlich haben zumindest die Euro-Staaten ihre Souveränität schon lange freiwillig aufgegeben. Gleichzeitig implementieren die gleichen Staaten aber nur allzu gerne fleißig genau die "Reformen", die die Krise verschlimmern werden - und Cerstin Gammelin gießt auf der Meinungsseite weiter Öl ins Feuer.
Das einzige Problem, das die Eurozone in Sachen Staatsschulden hat ist, dass die EZB für die Staatsschulden nicht garantiert, weil sie nicht verstanden hat, welche Funktion Staatsschulden in einem modernen Geldsystem haben: in einem funktionierenden Fiat-Geldsystem sind Staatsschulden ein Instrument der Geldpolitik und haben nichts mit der Finanzierung der Staatsausgaben zu tun - siehe die Links oben.
Neben dem fehlenden volkswirtschaftlichen Verständnis ist das Hauptproblem, dass niemand ernsthaft die Verbindung zwischen der unnötig hohen Arbeitslosigkeit (die, nebenbei bemerkt, das zentrale reale Problem dieser Krise ist) und den - ebenfalls auf der Seite Eins photogen platzierten - sozialen Unruhen und Protesten einerseits sowie den Verstößen Frankreichs gegen die EU-Freizügigkeit in Sachen Roma andererseits herstellt.
Wie gesagt, es ist zum Kotzen.
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